Tonalität à la carte
Morgens ist die Welt noch in Ordnung. Aufstehen müssen wir alle. ABER alle stehen anders auf ...... der Normale
Bei ihm klingelt der Wecker genau um 6.45. Er stellt ihn ab. Dreht sich noch einmal um und steht auf. Er begibt sich ins Badezimmer um sich zu duschen, zu rasieren und die Zähne zu putzen. Er setzt sich zum Frühstück hin. Küsst danach seine Frau zum Abschied und fährt, fünf Tage in der Woche, zur Arbeit.... der Eilige
Wecker läutet. Abstellen. Duschen. Zähneputzen. Rasieren. Kaffee. Kuss. Abfahrt.... der Naturliebhaber
Ihn weckt das Zwitschern der Vögel. Den Wecker braucht er in seinem Heim im Grünen nur zur Sicherheit. Sein erster Blick geht durchs Fenster. Ob Regen oder Sonnenschein, der Blick erfreut tagtäglich aufs Neue, er möchte ihn nicht missen. Für ihn zeigt sich die Natur, jeden Tag im Jahr in einem anderen Kleid. Pfeifend begrüsst er seinen Papagei, liebkost die Katze und dann auch seine Frau. Er geniesst sein Bio-Frühstück mit frischem Saft und fährt dann mit dem Zug und dem Bus zur Arbeit. Nicht ohne vorher den Papagei und die Katze gestreichelt, und seine Frau geküsst zu haben.... der Sound-Techno-Freak
Bei ihm ist der Wecker mit dem neusten High-Tech-Gerät verbunden. Bass und Sound bringen das Wasser in der Wassermatratze zum Schwingen, ihn in Schwung. Im Takt werden die Muskeln gelockert, die Zähne gereinigt und schwungvoll ist auch die Rasur - natürlich imTakt! (Wozu hat er sonst einen CD-Player im Bad!) Bewegungsvoll wird bald darauf der Kaffee von der Design-Maschine genommen und taktvoll geschlürft. Nach Noten küsst er seine Frau. Setzt seinen CD-Walkmann auf, tritt aus dem Haus - in die (seine) Stille des Alltags.... der Morgenmuffel
kann es überhaupt nicht fassen, dass die Sonne schon wieder aufgegangen ist. Hat er sich doch erst vor kurzem vom Mond verabschiedet. Er hört wohl den Wecker, reagiert aber erst als ihn dieser zum dritten Mal an die Zeit erinnert.Sein Blick in den Spiegel beweist: Die Nacht war zu kurz. Doch nach der Rasur und einer eiskalten Dusche sieht die Welt erfreulicher aus und bald ist es ja wieder Abend. Er tritt aus der Tür und vergisst, einmal mehr, seiner Frau Adieu zu sagen.... der Optimist
hat gar keinen Wecker. Er lässt sich immer von seiner inneren Uhr wecken. Ärgert sich nicht, wenn er sich beim Rasieren schneidet, die Kinder Zahnpasta verschmiert haben und kein warmes Wasser mehr läuft. Da das Brot fehlt, kocht er sich einfach eine Omelette. Singt, geniesst den Pulverkaffee, weil die Maschine streikt, küsst trällernd seine Liebste und fährt auch dann noch ohne zu fluchen ab, wenn das Auto erst nach einem Zündkerzenwechsel anspringt.... der Pechvogel
hat sich auch heute wieder verschlafen. Verbrennt sich unter der Dusche am zu heissen Wasser, kriegt einen Stromstoss beim Rasieren. Die Zahnpasta kommt zuerst nicht aus der Tube, doch dann, wie geschossen, drei Zentimeter. Diese fallen natürlich auf den dunklen Teppich. Beim Frühstück verschluckt er sich am Kaffee, muss husten und versaut sich damit seine neue Krawatte. Das Brot fällt - mit der Konfitüre-Seite nach unten (ist ja klar!) - auf die saubere Hose. Der Schnürsenkel reisst beim Binden und beim Aufstehen schlägt er sich den Kopf an der offenen Schranktüre an. Die Post bringt noch drei Mahnungen (eingeschrieben!) und mit seiner Frau ist er verkracht. Mit dem Auto hatte er gestern einen Unfall und, wie könnte es auch anders sein, am Bahnhof fährt ihm der Zug vor der Nase weg.... der Pessimist
Glaubt seinen drei Weckern natürlich nicht und vergleicht die Zeit zuerst mit seinen zwei Armbanduhren. Automatische, er traut Batterien nicht!. Bevor er so richtig wach ist, denkt er schon wieder was heute alles passieren könnte... Was nützt ihm der Sonnenschein, er muss ja doch ins Büro. Ob ich heute unfallfrei wieder nach Hause komme? Sicher hat es wieder einen Stau. Im Büro wird es wieder Ärger geben. Lohnt es sich überhaupt sich zu rasieren, zu frühstücken? Danach werde ich sicher wieder Bauchschmerzen haben. Die Frau wird wieder streiten. Ach was ich bleibe liegen!... der Superreiche
wird von seinem Butler sanft geschüttelt und während dieser die Vorhänge öffnet, daran erinnert, dass ein neuer Tag angebrochen ist. Das Frühstücktablett wird ihm ans Bett gebracht.Das Badwasser (mit Lavendel) eingelassen - genau 37,3°C, wie der Herr es wünscht. Rasiert wird er vom Butler und passend zum Tag und zu den Terminen in der Agenda richtet James auch die Garderobe (Unterwäsche vorgewärmt!). Beim Anziehen ist ihm der Butler ebenso behilflich wie beim Einsteigen in den Rolls-Royce, der sanft anfährt - in einen neuen Tag. Man sieht sich wieder beim Dinner. Übrigens die Lady war noch müde vom gestrigen Soirée und noch nicht auf - darum entfällt auch der Kuss.... der Penner
ihn weckt kein Wecker, ihn weckt Kälte und Nässe. Auch an diesem Tag. Die Pappschachtel ist einfach zu alt. Rasieren und Zähne putzen? Fremdworte. Woher das Wasser, woher das Geld? Wo aufwärmen? Man sollte wieder einschlafen - für immer! Frühstück, Wärme, Geborgenheit, Arbeit - das sind Fremdworte. Es sind Worte die ihm fremd sind .... und doch. der Tag beginnt. Und morgen wieder - immer wieder, wieder, wieder und immer wieder - widerlich!Wie Sie heute auch aufgestanden sind, ich wünsche Ihnen einen schönen,
unfallfreien und erfolgreichen Tag, schönen Abend oder gute Nacht!
Ueli Wolfensberger
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