www.werbewolf.ch...SEPTEMBER-NEWS 2006



Die Entwicklung der Tischsitten
Die Tischregeln wurden seit den Griechen immer verfeinert. Nicht zuletzt von den Adligen die damit bezweckten, dass ihre Untertanen diesen nicht mehr folgen konnten. Heute ist es im Familienkreis erlaubt den Hühnerknochen «abzunagen» ­ aber sicher nicht mehr wie einst unter den Tisch zu werfen. Benimm-Kurse haben Hochkonjunktur, Knigge war ein Irrtum ­ und: das Fettnäpfchen steht nicht nur in der Küche.

Es begann alles liegend
Der Ursprung unserer Tischkultur ist in Griechenland zu finden. Während es den Damen vorbehalten war sitzend zu essen, lagen die Griechen dafür auf einem speziellen «Speisesofa». Dies wurde dann später von den Römern übernommen. Vor ihren berühmten Gelagen nahmen sie ein Bad und kleideten sich bequem. (Hausdresse sind demnach eine alte Erfindung.) Für die Anordnung der Speisesofas gab es genaue Regeln. Man durfte den Raum nicht mit dem linken Fuss betreten, da dies als Zeichen für ein Unglück gedeutet wurde. Als Essbesteck kannte man nur den Löffel. Verständlich, wenn man bedenkt, dass die Römer einhändig essen mussten, da man den anderen Arm zum Aufstützen auf dem Sofa benötigte. Daher wurden die Speisen in der Küche zu mundgerechten «Häppchen» geschnitten. Die uns heute bekannte Serviette, damals «mappae» genannt, kam erst im 1. Jahrhundert auf. Vorher wusch man sich einfach nach jedem Gang die Hände.

Die ersten Tischsitten werden eingeführt
Karl der Grosse (768 bis 814) war der eigentliche «Erfinder» von Tischsitten. Zu seiner Zeit, so wird berichtet, waren Teller, Löffel und Gabel unbekannt. Man benutzte das Messer das man ja so oder so immer bei sich trug. Die Tische waren so gebaut, dass man die Speisen in speziellen Vertiefungen «servierte». Da es am Hofe oft zu Schlägereien «zu Tische» kam (wohl eher wegen dem Wein als dem Essen), verbot Karl der Grosse diese und führte damit Tischsitten ein.

Damen dürfen am Tisch Platz nehmen
Ab dem 11. Jahrhundert war es in Ritterkreisen auch Damen erlaubt am Tisch Platz zu nehmen. Das führte unter anderem dazu, dass sich die edlen Ritter nun nicht mehr zu Tisch in die Hand schnäuzten. Am Tisch griff man nun auch nicht mehr mit der ganzen Hand, sondern nur noch mit zwei Finger in die Schüsseln. Zudem kam man (Mann) gewaschen an den Tisch.

Die Kreuzzüge beeinflussten die Tischkultur
Im Orient waren die Tischsitten wohl schon weiter verfeinert. Nur so ist es zu erklären, dass die oberen Schichten diese auf den Kreuzzügen kennen lernten und mit sogenannten Lehrgedichten verbreitet wurden. Beispiele: Man soll bei Tische nicht schlürfen. Dem Nachbar nicht das Fleisch wegschnappen. Abfälle nicht unter den Tisch werfen. Den Mund nicht zu voll nehmen. Daraus ergaben sich wiederum Redearten die wir noch heute verwenden.

«Bei Tische kratze man sich nicht und spucke nicht über den Tisch», lautete eine der mittelalterlichen Tischregeln. «Mit der Messerspitze sollen Zähne nicht gereinigt werden. Und so man denn das Brot unbedingt in den Wein tauche, solle man dieses dann auch verspeisen oder den Rest auf den Boden giessen.»
Auch Knochen hatten damals grossen Stellenwert bei Tischregeln: «Nage nicht an Knochen mit den Zähnen. Wirf die Knochen unter den Tisch, aber nahe deiner Füsse ohne dabei jemanden zu verletzen ...» - na ja, andere Zeiten ­ andere Sitten.

Die Gabel kommt!
Lange schreckte man vom Gebrauch der Gabel zurück. Man hatte Angst und symbolisierte sie mit dem Werkzeug des Teufels, der ja oft mit einem «Dreizinker» abgebildet wurde. Gemäss Überlieferung benutzten die Venezianer im 16. Jahrhundert erstmals Gabeln. Sie suchten eine Lösung, damit sie sich ihre Hände beim Essen von Beeren oder Kirschen nicht mehr verfärbten. Zum eigentlichen Essbesteck, im wahrsten Sinne des Wortes, wurde die Gabel aber erst im 19. Jahrhundert.

Der Irrtum mit dem Knigge
Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge (1752 ­1796) ist wohl allen Leuten bekannt als der «moderne Erfinder von Tischkulturen».
Doch das ist ein Irrtum!
1788 erschien die erste Ausgabe seines wohl bekanntesten Werkes «Über den Umgang mit Menschen» Er beabsichtigte damit eine Aufklärungsschrift für Taktgefühl und Höflichkeit im Umgang mit den Generationen, Berufen, Charakteren, die einem auch Enttäuschungen ersparen sollte usw. Irrtümlicherweise wurde dieses Buch später als Benimmbuch missverstanden. Dieses Missverständnis verstärkte der Verlag, indem er nach dem Tode von Knigge das Werk um Benimmregeln erweiterte. Der Nachfahre Moritz Freiherr Knigge jedoch gab im Jahre 2004 in der Intention einer zeitgemässen Adaption eine moderne Fassung des bekanntesten Werkes unter dem Titel «Spielregeln. «Wie wir miteinander umgehen sollten» heraus.

Tischsitten entscheiden Karrieren
Heute sind Tischmanieren bei der Vergabe von Kaderpositionen oft entscheidend. Nicht umsonst werden dafür zahlreiche Kurse angeboten. Nach dem Motto «früh übt sich ...» lassen Eltern sogar ihre Sprösslinge, in speziellen Kursen in Hotels, den modernen und richtigen Umgang lernen.
Die Zeiten der alten Römer sind vorbei ­ stilvoll und richtig essen heisst heute die Devise.

Andere Länder andere Sitten
Doch aufgepasst: Was bei uns unschicklich ist, kann anderorts ein Muss sein. So dürfen Chinesen beim Essen durchaus schmatzen und schlürfen und damit zum Ausdruck bringen, dass es ihnen schmeckt. Es ist auch erlaubt mit vollem Munde zu reden. Ja man darf sogar während dem Essen rauchen, muss aber vorher allen am Tisch eine Zigarette offerieren. In einem arabischen Zelt wird man, wie seit jeher, kein Besteck vorfinden und nur mit der sauberen Hand essen. In der Türkei eröffnet der Familienälteste das Essen.
Es lohnt sich daher sich vorher zu informieren ­ speziell, wenn es um ein Geschäftsessen geht.

«Das Fettnäpfchen steht nicht nur in der Küche ­ man kann überall hineintreten.»


© Autor: Ueli Wolfensberger August 2006

Buchtipp:
Benimm im Business, Hans-Michael Klein, Cornelsen, 176 Seiten (broschiert), ISBN 3464490831. Kritiktext: In einer Zeit, in der die ersten 68-er pensioniert werden und die Helden der New Economy zur Arbeit zurückgekehrt sind, ist gutes Benehmen wieder in. Das beweist die Fülle an Ratgebern, aus der «Benimm im Business» herausragt, weil es kompakt, leicht verständlich und sauber aufbereitet zeigt, was gutes Benehmen ausmacht.



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