www.werbewolf.ch...JANUAR-NEWS 2006


SONNTAGMORGEN DAHEIM

Wir war das gleich an jenem Sonntag? Eigentlich fing er ja gemütlich an wie immer. Der Vater sass im Morgenrock mit der Zeitung in der Hand unrasiert am Tisch. Neben ihm die Mutter mit den Lockenwicklern in den Haaren. Neben ihr die Tochter mit einem Frotté-Tuch wie ein Turban über den noch nassen Haaren und der Junior wie immer mit verschlafenen Augen und einem von der warmen Ovo verschmierten Mund.
Eigentlich war alles wie immer ...
Ja fast wie immer Denn plötzlich verschüttete der Vater Kaffee aus dem Kaffeekrug worauf das ganze Tischtuch die Farbe von zartrosa zu dunkelbraun, ja fast schwarz, wechselte. Die Mutter eben dabei dem Junior das zweite bestrichene Brot zu geben erschrak dermassen, dass sie es mit der bestrichenen Seite nach unten fallen liess. Und das mit Erdbeerkonfitüre! Der Junior, zuerst erstarrt vor Schreck, prustete plötzlich laut heraus, nicht ohne dabei die letzten Bissen des Brotes, an dem er eben noch gekaut hatte, auszuspucken. Die Tochter, die immer schreckhafte Tochter, schoss von ihrem Stuhl auf worauf dieser umkippte, die Bodenvase hinter ihrem Stuhl traf und sich diese in tausend Stücke auflöste.
Ja das war kein normaler Sonntagmorgen.
Es schepperte und klirrte! Doch nur der Junior hatte seinen Spass daran und lachte laut heraus ­ bis er die Hand seines Vaters spürte und das Lachen seinem Geplärre wich. Mutter schrie auf, Tochter weinte, Sohn schniefte und heulte, Vater war zornesrot ­ hei, das war kein Sonntag wie sonst.
Auf dem Tisch vermischte sich der Kaffee mit der Konfitüre des Brotes und den ausgespuckten Bröseln vom Junior. Die Tochter, barfuss an den Tisch gekommen, trat zu allem Unglück jetzt auch noch in eine Scherbe der Vase worauf sich der helle Teppich am Rand blutrot zu färben begann. Mutter wollte ihr helfen, schnitt sich jedoch ebenfalls, wenn auch in die Hand und rannte darum ins Badezimmer zum Apothekerschränkchen.
Nun war auch Junior plötzlich ruhig. Erschrocken sass er an seinem Platz. Blickte zum Vater dann zur Schwester. Diese sass noch immer am Boden, drückte ihren Fuss und weinte. Nur der Vater blieb cool. Er fragte dieTochter wie lange sie das Blut noch laufen lassen wolle und ob sie die Blutung nicht stoppen wolle, bevor der ganze Teppich versaut sei.
Die Tochter brüllte mit verweintem Gesicht zurück wer denn Schuld daran sei! «Schrei nicht so herum» blaffte der Vater zurück, «das kann schliesslich jedem einmal passieren».
«Aber als ich gestern die Cociflasche aus dem Kühlschrank genommen habe und fallen liess hast du das nicht gesagt», motzte der Junior ganz mutig. Vater konnte eben seine Hand die auf dem Weg zu Juniors Ohren waren noch anhalten. «Das ist doch was ganz anderes, du weisst, dass du Mutter fragen musst, bevor du Coci nimmst».
«Lasst das jetzt» sagte Mutter und setzte sich neben die Tochter. Sie verpflasterte deren Fuss und strich ihr dann liebevoll über den Kopf. «So, nun wollen wir den Tisch sauber machen» hörten alle Mutter sagen. Doch niemand regte sich. Alle starrten wie gebannt auf das Kunstwerk auf dem Tisch. «So eine Schweinerei hatten wir aber noch nie», meinte Junior trocken und sah zu wie der Vater die Kaffeekanne in die Küche brachte. Auch Mutter hatte sich erhoben um abzuräumen. Nur die Tochter hatte genug von diesem Sonntag und zog sich in ihr Zimmer zurück. Junior schaute seinen Eltern zu und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen ­ das war eine Geschichte die er am Montag in seinem Aufsatz schreiben konnte. Jetzt hatte er endlich eine Geschichte zum vorgegebenen Thema: SONTTAGMORGEN DAHEIM.

Was Sie eben gelesen haben war seine Geschichte die er am Montag mit einem lächelnden Gesicht in sein Heft schrieb ...

© Ueli Wolfensberger
(15 Minuten «ad hoc Texterei» während einem Creativewriting-Seminar)


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