www.werbewolf.ch...APRIL-NEWS 2006


Versprecher - Tippfehler des Mundes.

Versprecher-Sammlungen aus Politik, Radio, TV usw. gibt es im Internet genügend. Nachfolgend eine Kurzfassung warum es zu Versprechern kommt und wie sie sich unterscheiden.

Können wir uns beim Denken versprechen?
Wenn ein Redner die Mitglieder des Männerchors mit: «Sehr geehrte Damen und Herren», anredet, ist das nicht ein Versprecher sondern ein grober Schnitzer. Ebenso jener Redner der zu einem Vortrag von Hundefans geladen war. Er wollte eine originelle Einführung machen und beklagte sich dabei, dass er eben auf der Strasse in Hundekot getreten sei und er das für eine grosse Schweinerei halte. Ein ganz dummer Versprecher passierte jenem Redner der die Anwesenden mit «sehr geehrte Vorschussmitglieder» begrüsste, obwohl er eigentlich «sehr geehrte Vorstandsmitglieder» sagen wollte, und sein Ziel der Rede war, eben von diesen Vorstandsmitgliedern einen Vorschuss zu bekommen.

So wie man sich halt hie und da vertippt, so versprechen wir uns etwa bei jedem tausendsten Wirt - äh Wort. Es gibt von Komikern bewusst eingesetzte Versprecher, peinliche auf der politischen Bühne, humorvolle im Alltag und auch welche bei den Profis von Radio und Fernsehen.

Geschichtlicher Hintergrund
Schon 1895 sammelte der in Wien wohnende Literatur- und Sprachwissenschaftler Rudolf Mehringer Versprecher. Er erstellte damit die erste Sammlung mit etwa viertausend beschriebenen Versprechern. Bei seinen Beschreibungen von Sprechfehlern geriet er jedoch mit Sigmund Freud aneinander, der eine andere Interpretationsrichtung bei der Beobachtung von Sprachfehlern hatte: Die legendären Freudschen Versprecher. Sie sollen Indizien sein für die geheimen Wünsche und Ängste des «Unbewussten».
Zum Beispiel, wenn er ihr sagt: «Der Abend mit dir war sehr Bett.» Neurologe Carl Mayer wiederum hat Versprecher als «Fenster zu unserer Sprachkenntnis» definiert.

Zweigleisiges Denken
Auch wenn man dem skeptisch gegenübersteht, scheint es, dass viele Versprecher aus einem «zweigleisigen» denken resultieren, Etwa:
«Was trinken wir zum Bier?». «Hast du Hunger oder willst du was essen?» «Die reizt nicht mit Geizen.» «Zum Urteil verscheitert.» «Wir waren mit Kollegen Pilze fangen.» «Dein Wassertropfer kocht.» «Man darf sich eben nicht in die Ärzte von Händen begeben.»

Was sind die Gründe
Wenn wir uns bei formal oder semantisch ähnlichen Wörtern (Klang oder Bedeutung nahe stehend) «verhaudern», dann wohl, weil die Sprache uns diese Varianten versehentlich zur Verfügung stellt oder Assoziationen ausgelöst werden.
Beispiele dafür sind:
- Konfektpapier statt Konzeptpapier
- Ein Kind abonnieren, statt ein Kind adoptieren
Christian Morgenstern brachte das in seiner satierischen Monatsliste auf den Punkt: Jaguar, Zebra, Nerz, Mandrill usw.

Lexikalische Elemente
Zu einem ungewollt logischen Gegensatz kam es hier. «Da muss man eben die Schönheitsfehler durch andere Mängel kompensieren.» Was beweist: Je mehr Gemeinsamkeiten lexikalische Elemente haben um so grösser ist die Wahrscheinlichkeit einer «Fehlaussage».

Gewusst? Unser Hirn hat zwei Wortsatzspeicher
Die Fachwissenschaft nennt es «inneres Lexikon». Offensichtlich haben wir im Gehirn zwei verschieden organisierte Wortsatzspeicher: Einer nach dem Klang der Wörter und der andere nach ihrer Bedeutung, was wiederum zu Versprechern führen kann:
«Unter Anwendung von Bronchialgewalt.»
«Das war wieder ein schöner Verbrecher».
«Und nun einen kleinen Stinkspruch».

Kontaminationen
Dazu zählen all jene Aussagen und damit Versprecher die auf Ausdrucks-Kreuzungen beruhen oder in denen konkurrierende Wörter oder Wendungen miteinander verschmolzen werden. Die Sprache stellt uns zwei oder mehr gleichwertige Varianten zur Wahl und unsere Sprachplanung entscheidet sich für die oder andere Variante, oder macht daraus eine Mixtur. Beispiele:
«Unruhestörer»
«Kabellitenfernsehen» (Kabel und Satellit)
«Bist du noch von allen guten Geistern zu retten?»

Erstaunlich ist, dass solche Kontaminationen auch in die Alltagssprache eingegangen sind: Gebäulichkeiten (Gebäude und Baulichkeit)

Lautumstellung und Positionstausch
Vertauscht werden dabei gerne:
Anlaute: «Grillengläser» (Brillengläser)
Vorsilbe gegen Vorsilbe: «Die Einsehung hat ein Vorsehen.»
Stamm gegen Stamm: «Der erste fleischliche Weibergeselle»
Wort gegen Wort: «Die Milo von Venus».

Andere solche Formen sind:
«Wir bitten alle Autofahrer die Gegend weiträumig umzufahren.»
«Wesserbisser sind nicht sehr beleibt.»
«Ich schlug mir ein paar Pfannen in die Eier».
«Erst ein heisses Bett und dann ins Bad»
«Reden ist Schweigen, Silber ist Gold».
Ungewollt können sie auch einen anderen Sinn ergeben:
«Manchmal schäme ich mich so, dass ich schwitze.»

Vorwegnahme (Antizipationen)
und Nachklang (Postpositionen)
Auch hier lauern Gefahren der Gesetzmässigkeit für Versprecher die schnell passieren. Meist handelt es sich um Assimilationserscheinungen die teils rückwärts und vorwärts gerichtet sind:
«Franzikaterpater»
«Kotzen-Nutzen-Analyse»
«Pillenklick»

Redensarten verwechseln
hat oft weniger mit einem Versprecher als mit Unwissen zu tun ­ auch bei anderen Sätzen wie:
«Man muss die Leute bei der Stange halten.»
«Das Eigelb vom Dotter trennen.»
«Ja ich reise viel ­ manchmal bis 18 Monate pro Jahr!»

Versprechen korrigieren
In mindestens 25 bis 50 Prozent der Fälle bemerkt der Sprecher seinen Fehler und korrigiert. Es sind die bekannten «Korrektursignale» wie:
«Ah», «Nein, ich mein(t)e», «Sorry, also», «wollte sagen», «will heissen» usw.
Ganz «modern» hört man oft nach einer Aussage oder Statement den Zusatz: «....., das heisst».

Der Krux liegt nun darin, dass man sich oftmals gerade bei der Korrektur wieder verhaspelt. «Die Taubenhaucher sind von der Vogelgrippe, äh ... die Hauchentauber sind ... äxgüsi, die Trauben ­ äh ... ach ich gebe es auf! Also, diese Vögel sind von der Vogelgrippe bis jetzt nicht besoffen, äh.... betroffen!

Versprecher ­ oft nicht wahrgenommen
In Versuchen hat man festgestellt, dass wenn Versprecher passieren, die Zuhörende diesen oftmals gar nicht hören oder bewusst wahrnehmen, sondern den Fehler mit dem eigenen Sprachwissen richtig interpretieren. So oder so ­ manchmal sind Versprecher in einer langweiligen Rede doch gerade das Salz in der Puppe ... - womit wir wieder beim Tippfehler * sind.

Ablauf vom Gehirn bis zum Mund.
Oder die Ursache von Versprecher.
Was wir sagen wollen ­ der Ablauf eines Sprechvorganges ­ hat vom Gehirn ausgehend einen fixen im Hochgeschwindigkeitstempo abgehenden Ablauf: Zuerst ist ein simultaner Gedankenkomplex da als Äusserungsgehalt (was wollen wir sagen). Er ist «abstrakt » und konkretisiert sich nun zu einem Satzschema mit bestimmten Betonungsstellen.
In diese «Leerform» werden nun aus dem inneren Lexikon abgerufene Speicherelemente eingegeben. Zuerst sinntragende Inhaltswörter (Substantive, Verben, Adjektive). Später ergänzende «Formwörter» (Pronomen, Konjunktionen, Präpositionen usw.) die lediglich grammatische Funktionen erfüllen.
In dieser Frühphase kommt es nun zu semantisch bedingten Versprecher (nikotinfreier Kaffee), zu den oben beschrieben Kontaminationen (sei mir nicht übel) und den Wortvertauschungen. Nun folgt die Ausspracheplanung in der Wortverwechslungen aus Lautgründen passieren (Supernächte, statt Supermächte). Dazu kommen die anderen artikulatorisch bedingten Versprecher, hauptsächlich Antizipationen, Postpositionen und Lautumstellungen (wolkig bis weiter).
Dann entscheidet es sich: Versprecher ­ oder nicht ­ versprochen!

* «Lassen sich Tippfehler vermeiden» (mit Test) >> PDF


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