www.werbewolf.ch...SEPTEMBER-NEWS 2004
Diskussionen über die (neue) Rechtschreibung sind nicht neu. Sie gaben schon 1876 Anlass dazu.
Bisweilen fördert der Blick
zurück in die Vergangenheit erstaunliche Parallelen zur Gegenwart
zutage. So auch im Fall der neuen deutschen Rechtschreibung. Die
wenigsten wissen nämlich, dass unsere vertraute "alte
Rechtschreibung" keineswegs so alt ist, wie immer vermutet
wird, sondern erst im Jahr 1876 kodifiziert wurde. Aus diesem
Jahr datieren die Beschlüsse der so genannten I. Orthographischen
Konferenz, an der Konrad Duden einen wesentlichen Anteil hatte
und die mit ihren Beschlüssen sozusagen eine erste Rechtschreibreform
herbeiführte.
Abgeschafft wurde erst mit dieser Reform das "th" in
heimischen Wörtern und damit Schreibweisen wie "Theil,
Thier, Athem, Eigenthum, Armuth, Noth, Werth". Die Verbindung
"ey" wurde zu "ei", beispielsweise in "seyn,
meynen, bey". Eingedeutscht wurde eine große Zahl von
Fremdwörtern, indem "c" durch "k" oder
"z" ersetzt wurde, wie etwa in "Casse, Cultur,
Clavier, Medicin, Cigarre, Citrone, social".
Die Beschlüsse, die auch eine große Zahl von Varianten zuließen, riefen in der Öffentlichkeit zum Teil heftigen Widerstand gegen die ungewohnten Schreibweisen hervor, der - wie das damalige Kommissionsmitglied Wilmanns beschreibt - auch in den Zeitungen starken Widerhall fand: "Die Presse beschäftigte sich eifrig mit der Angelegenheit, einzelne Blätter begrüßten die Verordnung mit Freuden, viele verhielten sich ablehnend [...] Manche Artikel waren augenscheinlich dazu bestimmt, das Publikum zu verwirren, andere es durch ungeheure Vorstellungen zu schrecken, wieder andere es mit Spott und Hohn zu belustigen." In den Schulen wurden die neuen Schreibweisen bereits seit 1876 unterrichtet, in Ämtern und Behörden aber auf Betreiben Bismarcks hin verboten. Erst im Jahr 1901 setzte sich die Schreibreform mit der II. Orthographischen Konferenz endgültig in allen Bereichen des öffentlichen Lebens durch.
Wer also heute glaubt, sich mit den veränderten Schreibweisen nicht anfreunden zu können, kann sich trösten, dass bereits vor über hundert Jahren Menschen Wortbilder wie "Teil, Armut, sein, Kultur" zunächst für unerträglich hielten, sich aber im Laufe der Zeit daran gewöhnten. Und auch die Sorge, die großen Werke der Literatur würden durch neue Schreibweisen verunstaltet, ist unbegründet: Goethe, Schiller, Fontane und alle anderen Klassiker haben bereits 1901 eine Schreibreform unbeschadet überstanden, und dass auch vor 1996 ihre Werke nicht im Original gelesen wurden, tat ihrer Originalität keinen Abbruch.
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Übrigens gemäss Duden: "98 Prozent der neuen Rechtschreibung
sind die alte Rechtschreibung." (ap)
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